Plagiatsskandal: Wie die NZZ an ihren eigenen Ansprüchen scheiterte

Mangelhafte interne Kommunikation, gar keine professionelle externe Kommunikation in der Krise: Die Neue Zürcher Zeitung (hier ihr Hauptsitz). Foto: NZZ

Die Neue Zürcher Zeitung verspricht, «Menschen Orientierung in einer komplexen Welt zu bieten», damit sie sich «eine fundierte Meinung bilden» könnten. In eigener Sache berichtete sie dagegen gar nicht: Als der bekannte Politikjournalist Dominik Feusi, der zum 1. Juli 2026 ihr neuer Bundeshausredaktor werden sollte, eines schwerwiegenden Plagiats überführt wurde. Ein Beispiel für mediale Doppelmoral.

Von HANS KLAUS

Bei jedem kleineren und grösseren Skandal sind es die Medien, die unbedingte Aufklärung und komplette Transparenz fordern. Die Konsequenzen sollen streng und strafend sein, damit sie erzieherisch und abschreckend wirken. Die Berichterstattung kann sich wochen- oder monatelang hinziehen, wenn sich nur wieder ein neuer Aspekt enthüllen oder noch jemand finden lässt, der auch etwas dazu zu sagen hat. Nur bei einer Art von Skandal sind Medien erstaunlich diskret: Wenn sie selbst betroffen sind. Dann soll selbstverständlich nur knapp und sachlich informiert werden, wenn sie überhaupt selbst darüber berichten.

Wie das aussieht, führte die NZZ in diesen Tagen vor. Gerade hatte die 1780 gegründete Zeitung, die sich als führend im deutschsprachigen Raum sieht, ihre neue Imagekampagne vorgestellt. Der «Nutzwert des Qualitätsjournalismus» stünde bei ihr im Zentrum, sie habe den Anspruch, «Menschen Orientierung in einer komplexen Welt zu bieten», damit sie sich «eine fundierte Meinung bilden» könnten. Nun enthüllte der Blick: Politikjournalist Dominik Feusi, der zum 1. Juli 2026 der neue Bundeshausredaktor der NZZ werden sollte, wurde eines schwerwiegenden Plagiats überführt. Die NZZ habe bereits 2024 davon gewusst, es aber weder publik gemacht noch zunächst von Feusis Anstellung abgesehen.

 

Fremden Beitrag zu 90 Prozent kopiert

 

Feusi ist seit 2021 Stellvertretender Chefredaktor und Mitglied der Geschäftsleitung des ebenso traditionsreichen Magazins Nebelspalter, 1875 gegründet. In dieser Funktion hatte er 2024 eine Nahost-Analyse aus dem britischen Telegraph abgeschrieben, laut Blick zu «rund 90 Prozent (...) und nahezu eins zu eins», und unter seinem eigenen Namen im Nebelspalter veröffentlicht. Genüsslich, aber dokumentarisch korrekt stellte der Blick die originalen und übersetzten Passagen nebeneinander und stellte fest: Feusi «kopierte dabei nicht nur ganze Absätze, sondern auch den Aufbau, Thesen, historische Beispiele, Metaphern und Schlussfolgerungen.» Das «Vollplagiat» war nicht zu bestreiten.

Wer sich aus der NZZ informierte, erfuhr von dem Skandal allerdings kein Wort. Nur dem Blick und den Medien, die ihn zitierten, war zu entnehmen, dass all dies intern bereits 2024 bekannt geworden war. Der Nebelspalter versah den gestohlenen Bericht still und heimlich mit einem Hinweis, wonach die Quelle anfangs «fälschlicherweise» gefehlt hätte. Ein Redaktor der NZZ hatte damals deswegen auch nachgefragt, aber nichts dazu veröffentlicht. Erst nach der Enthüllung des Blick – und nur dort – meldete sich ein Sprecher der NZZ zu Wort: Diejenigen, die jetzt für Feusis geplante Einstellung verantwortlich waren, hätten von all dem nichts gewusst. Nun habe man ihm noch vor Stellenantritt gekündigt, denn «die publizistische Glaubwürdigkeit sei das höchste Gut des Hauses.»

 

Kein Wort über den Skandal in der NZZ

 

Weder in ihrer Unternehmenskommunikation noch im eigenen redaktionellen Teil griff die NZZ den Skandal bisher auf und konterkarierte damit sein eigenes Versprechen, dass man sich durch ihre Berichterstattung «eine fundierte Meinung bilden» könne. Wer wissen will, was intern bei der NZZ los ist, muss offenbar Blick lesen. Viele Fragen wären hier offen, beispielsweise zur offenbar mangelhaften Kommunikation zwischen Redaktion und Verlag (HR), aber auch zur unzulänglichen vorgängigen Überprüfung von Bewerbern. Auch der Nebelspalter beschönigte das Vorkommnis damals als Versehen und müsste sich fragen lassen, ob die Personalausstattung und internen Qualitätskontrollen ausreichen. Von einer Krisenkommunikation kann man in beiden Fällen nicht sprechen, nur von Vernebeln. Wo sind die Konsequenzen der Führung, die sonst immer gefordert werden?

Dominik Feusi ging noch am professionellsten mit der Krise um. Gegenüber dem Blick räumte er seinen Fehler ein: «Es gibt überhaupt keine Entschuldigung für das, was ich gemacht habe. Das ist ein klares Plagiat, so etwas darf nicht passieren.» Er erklärte ihn damit, dass damals kurzfristig noch ein Artikel benötigt worden sei und er allein für die Website verantwortlich gewesen sei. Daher habe er den fremden Artikel übernommen, aber nicht entsprechend gekennzeichnet. Diese ehrliche, nachvollziehbare Aussage wurde von anderen Medien aufgegriffen. Die NZZ mit ihrer überhöhten Selbsteinschätzung («unabhängige, hochstehende Publizistik mit liberaler Haltung») aber hat in eigener Sache versagt, und der Nebelspalter hat sich einen schlechten Scherz mit seinen Lesern erlaubt.