Wir führen die Schlacht, ihr steht im Krieg

Wenn beim Zuhören Wunschdenken mit Realitätssinn verwechselt wird

Es geht in der Kommunikation gerne vergessen, dass gesagt nicht gehört heisst, gehört nicht verstanden bedeutet und verstanden nicht automatisch zu Akzeptanz führt. Der Auftritt von Wolodimir Selenski am Weltwirtschaftsforum in Davos war dafür ein gutes Beispiel.

Der ukrainische Präsident sprach am Weltwirtschaftsforum in Davos zwar englisch, aber deutsch und deutlich: Wenn es nicht gelingt, Wladimir Putin militärisch, wirtschaftlich und politisch in die Schranken zu weisen, werden die Sicherheit Europas und der Frieden in der Welt auf Dauer bedroht bleiben.

Selenski habe viele Fragen gestellt, aber keine Antworten gegeben, lesen wir tags darauf in Kommentaren – gepaart mit Aussagen von Diplomaten und Experten, die Realitäten auf dem Schlachtfeld sähen leider anders aus als von Selenksi dargestellt: Ein Niederringen des russischen Aggressors sei Wunschdenken. Was zweifeln lässt, ob der Präsident nicht nur gehört, sondern auch verstanden wurde.

Mahnende Worte an Europa

Er sagte, Putin werde sich nie ändern. Und meinte, dass sich daher der Westen, Europa, die Schweiz ändern müssten. Er sagte, dass kein europäisches Land derzeit in der Lage wäre, sich militärisch gegen eine russische Aggression zu verteidigen, wie es die Ukraine seit zwei Jahren tut. Und meinte, es sei niemand fähig und willens, Kampftruppen in ausreichender Stärke zur Verteidigung eines anderen europäischen Landes zu stellen. Er sagte, dass ein Frieden niemals auf einer völkerrechtswidrigen und brutalen Annexion des Territoriums eines souveränen Staates basieren könne, weil dies sonst weltweit Tür und Tor öffne, gleiches an anderer Stelle zu wagen. Und meinte, dass daher ein Einfrieren des Konfliktes entlang der heutigen Frontverläufe nichts anderes sei als eine Einladung an Putin und seinesgleichen, weiter Blut zu vergissen.

Moralisch ein Armutszeugnis

Selenskis Rede war in der Tat gespickt mit Fragen – aber es waren rhetorische, weil der Präsident nach zwei Jahren Krieg die Antworten längst kennt. Zu verlangen, mit dem Aggressor «Frieden» unter Billigung von Mord, Verwüstung und Besatzung zu schliessen, ist nicht nur moralisch ein Armutszeugnis, sondern eine fatale Fehleinschätzung der damit verbundenen sicherheitspolitischen Konsequenzen. Putin will keinen Frieden, er strebt seit Jahren nach einer Unterjochung der Ukraine – euphemistisch mit «Entnazifizierung» begründet. Gelingt ihm dies auch nur im Ansatz, dann wird er weitere Länder bedrohen: Moldawien, das Baltikum, Polen, vielleicht irgendwann auch Deutschland und das demokratisch verfasste Europa als Ganzes. Sei es durch militärische Gewalt, sei es Kraft der Möglichkeit, sie jederzeit und ungehindert anzuwenden.

Wolldecken und Suppenküchen reichen nicht

Das war die Botschaft Selenskis in Davos, verbunden mit dem Hinweis, dass bei aller europäischen Solidarität und Unterstützung diese nicht genüge, soll die durch Putin provozierte historische Zäsur korrigiert werden. Dafür aber bräuchte es in ganz Europa deutlich mehr Anstrengung und Willen, die eklatante Kluft zwischen markigen Worten und handfesten Taten zu schliessen, klammert man den weitaus grössten Beitrag der USA aus.

Wolldecken, Suppenküchen und Lazarette, kombiniert mit angejahrten Leopard-2-Kampfpanzern und hochwertiger Raketenartillerie werden jedenfalls nicht reichen, Putin zu stoppen. Ganz zu schweigen von der zunehmend volatilen Entscheidungsfindung innerhalb der europäischen Familie.

Zu dieser gehört auch die Schweiz, wenn auch nicht als Mitglied der EU, so doch als Teil einer Wertegemeinschaft, die auf Freiheit in Sicherheit gründet. Auch an sie richteten sich Selenskis mahnende Worte: Es sei fatal, Neutralität mit Realismus zu verwechseln.

Applaus ist nicht gleich Akzeptanz

Selenski wurde gehört, die Anwesenden zollten stehend Applaus. Einige werden verstanden haben, was er wirklich gesagt hat: «Wir Ukrainerinnen und Ukrainer, liebes Europa, führen die Schlacht. Im Krieg mit Putin steht aber auch Ihr.»

Sicher ist, dass es wohlgenährten Demokratien weiterhin schwerfällt, das zu akzeptieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Viel Zeit bleibt nicht. Spätestens im Mai tauen an der ukrainischen Front die Böden. Im Sommer beginnt das Gerangel um die neue EU-Kommission. Und im November wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. In der Zwischenzeit geht Putin in Iran und Nordkorea auf Shoppingtour und rüstet weiter auf. Das ist kein Wunschdenken, sondern Realität.

Markus Spillmann | KMES Partner